Stumm sitze ich auf einem Berghang hoch über der Ebene. Der Blick reicht bis nach Venedig. Wenn man die Augen zusammenkneift, kann man den Markusturm sehen. Bin ich froh, jetzt nicht in dem Gewusel dort zu sein. Die Hitze senkt sich nun in den Abendstunden auf uns herab. In der Hand einen Plastikbecher des letzten, mittlerweile warmen, Rotweins. Der Popo in der fleckigen Hose auf einer alten Palette mit lang herausstehenden rostigen Nägeln. Die Haut klebt von Schweiß und Staub nach meinem letzten Tag voller Arbeit hier oben.
“Wenn du’s jetzt nicht machst, dann kommst du in ein paar Jahren wieder und bist deprimiert, weil sich nichts verändert hat. Ich habs riskiert, und schau was ich hier aufgebaut habe. Du kannst nicht einfach erwarten, dass sich die Sachen von selbst ergeben. Du musst was dafür tun! Sonst bist du den Rest deines Lebens unglücklich. Kannst du machen, aber dann beschwer dich nicht bei mir.” Das sitzt. Aber er ist noch nicht fertig.
“Versprich es mir! Versprich mir, dass du es wenigstens versuchst! Und wenn du scheiterst, dann hast du es zumindest probiert! Dann kannst du dir später nichts vorwerfen. Mach die Ausbildung zur Konditorin! Und versprich mir, dass du dich auch auf italienische Konditorei spezialisierst.”
Ich leere den letzten Rest des Weins und murmle ein “Ok. Versprochen”. Dann muss ich wohl.
Der junge humpelnde Schäferhund neben uns entleert seinen Darm in einem großen, stinkenden Haufen. Ich ersticke fast vor Lachen und Husten.
Genau vier Jahre später sitze ich wieder hier. Der Mond beherrscht den dunklen Nachthimmel. Diesmal wenigstens schon geduscht und in sauberem Gewand. Wir sitzen mit einem Fläschchen Cedernsaft auf dem steinigen Boden des Abhangs. “Und jetzt?” frage ich während sich die spitzen Steine durch den Stoff drücken. “Ich hab doch alles gemacht. In vier Jahren habe ich während meiner normalen Arbeit eine Grundausbildung zur Konditorin in Österreich und eine offizielle Konditorakademie in Bologna abgeschlossen. Ein Jahr in Padua in einer Konditorei gearbeitet! Und nun?” Er runzelt nachdenklich die Stirn und starrt auf das Lichtermeer unter uns. Man kann die Hauptstraßen erkennen, die sich wie Ketten aus goldgelben Lichtern durch die dunkle Ebene schlängeln.
“Und nun mach was du willst.”, antwortet er bestimmt. Ich schaue ihn verwundert an. “Was...?” Er nimmt einen Schluck kalten Saft und meint: “Du hast es selber gesagt. Du hast alles, was du brauchst. Du bist bereit.”
Der mittlerweile riesige Schäferhund steckt seine Nase hinter uns in eine wilde Pflanze und bekommt einen furchtbaren feuchten Niesanfall in unsere Nacken. Manche Dinge ändern sich nie.
Ich bin Sarah, in Oberösterreich und der Steiermark aufgewachsen. Leidenschaftliche, spätberufene Konditorin, brauche für mein Seelenheil Wasser und Berge oder Hügel in der Nähe, liebe es zu reisen (besonders in Italien und Großbritannien), neues zu entdecken, springe meist zuerst und denke dann nach und muss nun lernen, wie “ich- sein”, mir selbst treu bleiben und meine Träume verwirklichen überhaupt gehen.
Früher war ich immer sicher, was ich als nächstes machen werde, plante, organisierte. Was aber passiert, wenn das Schicksal es anders meint?
Es ist nie zu spät, neu anzufangen! Auch wenn man noch keine Ahnung hat, wie. Und man unterwegs auch einmal scheitert.
Momentan weiß ich noch nicht, wohin mich mein Weg führen wird. Ich versuche die kleinen Schritte zu machen, damit sich der nächste Meter dann vor mir zeigt. Und ich freue mich, wenn du dich zu mir an den Gartentisch unter dem Blauregen oder in den gemütlichen Ohrensessel in der Glasveranda setzt und für einen Augenblick das Leben genießt. Bis dahin: The kettle is on, come in!

