Nur noch eine Kurve
Stolz versende ich das Foto an einen guten Freund.
Vor zwei Monaten kam ich mit zwei Koffern und einem veritablen Burn Out zu Hause an. Eine halbe Stunde leichter Spaziergang? Daran war nicht zu denken. Zehn Minuten Gartenarbeit am Stück brauchten eine kurze Pause, um sich niederzusetzen. Für jemanden, der immer in Bewegung war, für den Wandern, Joggen oder Schwimmen draußen Ruhe, Frieden und Zu-sich-Kommen bedeutet, eine etwas verstörende Erkenntnis. Ein Jahr starke Anstrengung und ein Monat pausenloser echter Raubbau am Körper waren wohl nicht ideal gewesen.
Umso fröhlicher bin ich nun über meine unabsichtliche Wanderung. Ich wollte eigentlich nur den ersten Hügel hinauf. Und dann um die nächste Kurve. Wie das halt so ist. Und dann fiel mir der fast unauffindbare Naturfreunde- Weg durch die Botanik wieder ein. Ich tauchte ab ins Gestrüpp, durch ein Meer aus Waldheidelbeeren und Moos. Ab und an dann doch ein markierter Weg. Mittendrin bemerkte ich den klassischen Anfängerfehler: zu wenig Wasser dabei. Na toll. Allein am Berg verdurstet. Ok, es ist noch nicht wirklich “am Berg”, eher “am Hügel”, aber trotzdem. Störrisch wie ein alter Esel erklimme ich Hang um Hang im Wald. Trotz des Schattens ist es noch unerbittlich heiß, auch hier oben. Plötzlich eine Lichtung vor dem nächsten Wäldchen. Aus dem dunklen Grün und dem braunen Holz strahlt ein helles Plätzchen voll goldener Gräser hervor. Getrocknet von der Sonne wiegen sich die Halme sanft in einer willkommenen Brise. Ein Moment der Stille.
Und weiter über kleine Brocken Stein und wilde Brombeeren. Endlich ein langer dicker Holzpflock in meinem Sichtfeld. Bei näherer Begegnung hat er ein Gesicht eingeritzt. Ein Riese? Ein riesiger Zwerg? Kaputt lasse ich mich auf den halbierten Baumstamm sinken und vernichte den letzten Rest Wasser. Ein Foto als Erinnerung. Der Schweiß rinnt mir in die Augen und die Wangen brennen rot.
Ich hatte mich schon am ersten Hügel nach Umkippen gefühlt. Auch bei einigen Anstiegen danach. Für andere wäre das vermutlich eine gemütliche Joggingstrecke. Für mich bedeuten 600 Höhenmeter nun etwas anderes.
Alleine losgehen. Anfangs außer Atem umkehren wollen, schwitzend und keuchend. Während andere gut gelaunt an einem vorbeiziehen. Sich nicht vergleichen. Ich gehe mein Tempo. Langsamer. Aber stetig. Dazwischen bleibe ich stehen. Um mich umzusehen. Nicht nur um den weiteren Weg zu finden, sondern auch um die runde pelzige Hummel im pupur pinken Fingerhut zu beobachten. Wie das Licht zwischen den Bäumen in den Wald fällt. Das Zwitschern und Summen hören. Und nicht sicher sein, ob der Weg, den ich da wähle, auch der richtige ist. Denn man erkennt ihn zwischen den zugewachsenen Büschen, Bäumen und Heidelbeeren oft kaum. Durch einen Stolperer über eine dicke Wurzel nicht umfallen. Und oben angekommen ganz ruhig werden. Und ein wenig stolz auf sich sein. Den Aufstieg anerkennen.
Zurück fliege ich fast. Nicht nur, weil es schon ziemlich spät war (nächster Anfängerfehler) und ich schon den Pelz auf der Zunge spüren kann, sondern auch weil ich gesehen und gefühlt habe, wie ich auch unten gehen sollte, im richtigen Leben.
“Wow bist du rot, solltest dich in der Sonne echt besser eincremen!” war der charmante Kommentar von dem Freund. Manchmal werden wir von der Realität dann doch wieder schnell zurückgeholt, denke ich mit einem Lächeln.

